Der unsichtbare Engel der Zeit

 

Ein Theaterabend mit einem einzigen Superstar: der Zeit. "Circa fünfzig Minuten".

 

Von Benedikt Scherer, 19.06.99 Tages Anzeiger, Kultur

 

Gehört das jetzt auch schon zur Vorstellung? Die kleine Tribüne in der kalten Escher-Wyss-Unterführung ist am Anfang noch unbestuhlt. Plötzlich kommen aus einer Tür auf der linken Seite sechs oder sieben junge Leute, die Stühle unter den Arm geklemmt haben und uns Zuschauern bei der Platzeinrichtung behilflich sind. Das ist eine schöne Geste, die aber etwas umständliche Formen annimmt. Wir sehen dem Stühlerücken mit zunehmender Ungeduld zu; nach einigen Minuten sind wir nahe daran, mürrisch zu reden. Es dauert nämlich seine Zeit, bis jede und jeder endlich auf seinem Platz sitzt. Vorher, das ahnen und das wissen wir auch, wird hier nichts laufen und auch nichts vorgeführt. Die Sekunden verstreichen wie Erdzeitalter.

Dass das Zeitempfinden etwas subjektiv Erlebtes ist, das nur mittelbar mit der mechanischen Zeiteinteilung unserer Uhren zu tun hat, das führt die junge Laientruppe um Susanne Vonarburg und Peter Haberstich dem Publikum mit schöner Evidenz vor. Die beiden haben mit elf Jugendlichen, die Schüler, Studenten, Asylbewerber oder Arbeitslose sind, die Szenenfolge "Circa fünfzig Minuten. Ein improvisiertes Stück Zeit" erarbeitet. Es handelt sich dabei um eine Koproduktion des Theaters an der Winkelwiese mit der Abteilung Theaterpädagogik der Schauspiel Akademie Zürich.

Nur der Sekundenzeiger zuckt
Den Anfang erlebt der Zuschauer als hinterhältige Überrumpelung. Es gibt aber auch, fern jeder Guerillataktik, die offene Reiterattacke, mit der ihm die Relativität der Zeiterfahrung deutlich gemacht wird. Am wuchtigsten geschieht das in der Geburtsszene. Im hinteren Teil des Spielplatzes bemüht sich ein aufgeregtes Ärzte- und Schwesternteam um eine in den Wehen liegende Frau. Im vorderen Teil sieht man den händenestelnden zukünftigen Vater, wie er rastlos auf- und abgeht, zermürbt vom Warten, völlig unfähig, die Zeit totzuschlagen. Gähnen und Langeweile hier, Rennen und Zeitknappheit dort. Nur der Sekundenzeiger zuckt unbeirrt im starren Gleichmass vorwärts.

Es gibt einen kahl rasierten, weiss geschminkten Mann im weissen Overall, der sich wie ein unsichtbarer Engel unter die Akteure mischt. Er schaut lange schweigend ins Publikum, blickt mitleidig lächelnd auf das gehetzte oder gelangweilte Bühnenpersonal. Dazwischen besteigt er immer wieder ein sonderbares Gefährt, das sich über die Betätigung eines Hebels auf Bahnschienen quer über die Bühne bewegen lässt. Handelt es sich dabei um eine Personifikation der abstrakten Zeit? Eine geheimnisvolle, irritierende Figur ist dieser Clown, der auch die Minuten- und Sekundenzeiger einer Bahnhofsuhr vor- und rückwärts dreht.

Tin Man und Mischa, die beiden für den Sound verantwortlichen Leute, haben den Abend mit einem interessanten Klangteppich ausstaffiert. Da wechselt sich ein langsames, träges, behäbiges Stampfen ab mit forschen, plötzlich beschleunigten Klatschgeräuschen. Diese Musik vermischt sich in aufregender Weise mit dem Live-Quietschen der Schienen, die oberhalb der Unterführung von pünktlich verkehrenden VBZ-Trams befahren werden. Auch die Geräuschkulisse verrät etwas von den divergenten Möglichkeiten der Zeiterfahrung. Auch sie trägt ihren Teil dazu bei, dass die "Circa fünfzig Minuten" für den Zuschauer wie im Flug vergehen. Oder noch schneller.



 

 

 

 

 

 

 

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